Antoine war schrecklich müde. Er musste schnell weg, weg von dieser Leiche, die auf dem Boden lag. In der Brust der Leiche steckte ein Messer. Auf dem Tisch lag eine große Menge Geldscheine, die Antoine in einen Alukoffer steckte. Ein Bündel mit Blut verschmierten Geldscheinen steckte in der Hand der Leiche. Antoine versuchte, die Hand der Leiche zu öffnen und das Geld zu entnehmen. Doch der Krampf war zu stark und es gelang ihm nicht. „Ah, was soll’s? Es ist sowieso nicht brauchbar.“ – dachte er. Im Koffer war genug Geld; genug Geld für ein neues Leben, von dem er geträumt hatte. Er durfte nur keinen Fehler machen. Bis jetzt lief alles, wie er es geplant hatte.

Er schaute durch das schmutzige Fenster hinaus in den Wald. Es fing an zu regnen. Vielleicht wäre es besser, im Dunkeln weiterzufahren, überlegte er. Bis dann konnte er ein kleines Nickerchen machen. Von alten Säcken, die überall herum lagen,  machte er sich in einer Ecke einen Platz zum Schlafen. Den Koffer legte er sich als Kissen hin, nahm die Pistole in die Hand und legte sich hin. Er lauschte dem Bach, der unter der Wassermühle floss und schlief nach wenigen Augenblicken ein.

***

Antoine war in Marseille geboren. Er war in einem Arbeiterviertel aufgewachsen, wo er alle Voraussetzungen gehabt hatte, ein Krimineller zu werden. Das wurde er auch. Zwei Jahre verbrachte er  wegen Drogenhandels und Diebstahls im Gefängnis. Mit 22 ging er zur Fremdenlegion und die nächsten 15 Jahre verbrachte er als Soldat. Beim Einsatz in Mosambik lernte er René kennen. Als sie die Legion verließen, hatten sie schon einen Plan für einen Banküberfall. Bevor René zur Legion kam, hatte er als Installateur bei einer Firma für Lüftungsanlagen gearbeitet. Diese Firma hatte die Lüftungsanlage in eine Filiale National Bank de’ Paris in Caen eingebaut. Das war die Bank, die sie überfallen wollten.

Sie nahmen ein Zimmer in einer Pension. Antoine rief die Bank an und machte mit dem Bankdirektor einen Termin für Freitag aus. Er wollte angeblich, eine höhere Summe  seines Geldes anlegen und sich von dem Bankdirektor beraten lassen. Donnerstagnacht gingen sie in die Tiefgarage des Bürohauses und präparierten die Lüftung, die in die Bank führte. Sie bauten eine umgebaute Nebelmaschine in die Lüftung ein, die nach der Aktivierung per Funk statt Nebel ein Betäubungsgas verbreiten sollte. Dieses Gas hatte eine sehr schnelle Wirkung, so dass man in wenigen Sekunden  ohnmächtig wurde.

Am Freitag kurz nach Mittag zog Antoine die Perücke an und klebte einen Vollbart auf sein Gesicht. Das war das erste Mal in seinem Leben, dass er einen Anzug trug und er stand ihm gut. Er konnte sich leicht vorstellen – sollte alles gut laufen – in Zukunft öfter einen Anzug zu tragen. Vielleicht sogar von Armani. Dieser Gedanke gefiel ihm. René war schon bereit. Sie machten noch ihr Begrüßungsritual, das sie immer vor dem Einsatz bei der Legion gemacht hatten und gingen zu ihren Autos. Antoine fuhr direkt vor die Bank. René parkte in einer Seitenstraße.

Antoine nahm seinen Alukoffer aus dem Kofferraum und ging in die Bank. René machte sich auf den Weg zum Geldautomaten vor der Bank. Nachdem sich Antoine an einen Schalter gemeldet hatte, kam der Bankdirektor und sie gingen gemeinsam ins Büro des Direktors. René stand vor dem Geldautomaten und beobachtete den Innenraum der Bank. Es waren nur drei Kunden,  ein Wachmann und drei Angestellte im Schalterraum.

Antoine setzte sich auf den Stuhl und der Direktor bot ihm einen Kaffee an. In diesem Moment klingelte Antoines Handy. Das war das Signal, dass René die Nebelmaschine aktiviert hatte. Antoine hatte nicht viel Zeit. Der Direktor drehte sich mit einer Tasse Kaffee in der Hand zu Antoine um und in diesem Augenblick traf ihn ein kräftiger Schlag ins Gesicht. Er verlor das Gleichgewicht und fiel um. Antoine machte schnell den Koffer auf und nahm zwei Gasmasken heraus. Eine Gasmaske setzte er sich selbst und die andere dem Direktor auf.  Er kniete sich auf die Brust des Direktors, zog die Pistole aus der Tasche und sagte zum Direktor: “Bleiben Sie ruhig!“.

René beobachtete den Schalterraum und wartete auf seinen Einsatz. Als er merkte dass eine Angestellte hinter dem Schalter umfiel, wusste er, dass das Gas wirkte. Einer nach dem anderen fielen alle Personen im Schalterraum auf den Boden. Er hielt den Atem an und betrat   die Bank. Als er drin war, zog er eine Gasmaske an, klebte einen Zettel mit dem Text:

“ Liebe Kunden, wegen Problemen mit dem Computersystem ist unsere Bank vorübergehend geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis“ an die Tür. Die Rollos vor dem Schaufenster rollte er herunter und fesselte den Wachmann.

Antoine befahl dem Direktor, den Safe zu öffnen. Er ging zum Safe und öffnete ihn.

Antoine gab ihm den Koffer und der Direktor wusste sofort was er machen sollte. Als er fertig war, nahm  Antoine den Koffer und zog dem Direktor die Maske weg. Unter der Maske hatte sich das Blut aus seiner gebrochenen Nase gesammelt und als die Maske weg war, floss es über das weiße Hemd des Direktors. Schnell war er auch ohnmächtig. Antoine ging aus dem Büro raus und sah, dass im Schalterraum alles unter Kontrolle war. Er gab René das Zeichen, dass alles in Ordnung war. Die beiden hielten die Luft an, zogen die Masken runter und verließen die Bank. Seelenruhig gingen sie zu ihren Autos und fuhren weg.

Die verlassene Wassermühle war ein perfektes Versteck. Sie befand sich am Waldrand und die Zufahrt führte über eine kleine Wiese, so dass man rechtzeitig merken konnte, ob ein Auto zur Wassermühle fuhr. Antoine und René hatten nach dem Überfall die Autos ausgetauscht und waren zur Wassermühle gefahren. Den ganzen Tag und die ganze Nacht beobachteten sie die Zufahrtsstrasse und hörten den Polizeifunk ab. Es war Großalarm ausgelöst worden. Sie wurden  überall gesucht. Der Plan war, die Beute zu teilen und sich zu trennen. Aber Antoine hatte einen anderen Plan. Das war die Gelegenheit seines Lebens. Sein Teil  wäre nicht groß genug gewesen für einen neuen Anfang. Er wollte die ganze Beute nur für sich alleine haben. Es gab nur einen Ausweg: Er musste René töten!

René war kräftiger als Antoine und ihm war klar, dass das sehr schnell und überraschend sein musste. Er hatte Angst, dass vielleicht  jemand die Schüsse hören könnte und entschied sich, René zu erstechen. Sie saßen am Tisch und zählten das Geld. Antoine stand auf und ging zum Fenster. Draußen war alles ruhig. Er nahm vorsichtig sein Kampfmesser. Im Fenster spiegelte sich das Bild von René. Er saß ahnungslos am Tisch und zählte das Geld. Antoine drehte sich langsam um und hob die Hand mit dem Messer. In diesen Moment hob René den Kopf und als er das Messer in Antoines Hand sah, ahnte er, was jetzt kam. Antoine warf das Messer und er traf René in die Brust. Er riss die Augen weit auf, griff noch mal nach dem Geld und kippte um. Antoine ging zwei Schritte nach vorne und schaute über den Tisch nach René. Er lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Antoine schaute noch mal durchs Fenster. Es wurde ein wenig duster. Er war müde.

***

Jenny und Gareth machten schon das zweite Jahr Urlaub in die Normandie. Sie liebten die Landschaft  und besonders die französische Küche.  Den Urlaub verbrachten sie mit Spaziergängen und der Erholung vom alltäglichen Stress in London. Diesen Samstag machten sie ihren letzten Ausflug, bevor sie am nächsten Tag auf die Insel fliegen wollten. Sie gingen durch den Wald und suchten  Pilze. Es fing an zu regnen. Ihr Auto hatten sie in einem Dorf zurückgelassen. Gareth schaute auf seine Wanderkarte und sagte:  -“ Hier in der Nähe müsste eine Hütte sein. Lass uns dort eine Pause machen.“

Jenny stimmte zu. Nach ein paar Minuten kamen sie aus dem Wald heraus und sahen eine Wassermühle.

„Es sieht so aus als ob dort niemand wohnt.“ – sagte Jenny. „Das ist doch egal. Gehen wir rein und machen wir ein Feuer! Das kann sehr romantisch werden“ sagte Gareth und küsste Jenny auf den Nacken. „Du, Ferkel!“ –sagte Jenny und schaute ihn verführerisch an. Sie gingen in Richtung des Hauses.

Antoine wachte auf und hörte die Schritte. Er duckte sich und entsicherte die Pistole. Zwei Stimmen kamen immer näher. Ein Gesicht klebte sich an das Fenster. Antoine konnte nicht verstehen, was dieses Gesicht sagte. Dann bemerkte er am anderen Fenster noch ein Gesicht und hörte einen Schrei auf Englisch: “Oh, mein Gott, drin ist eine Leiche!“.

Antoine nahm den Koffer und rannte raus. Sein Auto war im Wald  versteckt. Er rannte zum Auto und fuhr weg. Im Spiegel sah er eine Frau und einen Mann wie sie hinter ihm herschauten. „Verdammt!“ – dachte er – „Ich hätte nicht schlafen sollen! Hoffentlich haben die kein Handy dabei!“. Es fiel ihm ein, dass er sein Messer zurück gelassen hatte. Er war noch wütender. „Jetzt haben sie meine Fingerabdrücke!“ – dachte er. Die Straße führte zum nächsten Dorf. Er konnte nur an der Kreuzung vor diesem Dorf abbiegen. Kurz vor der Kreuzung sah er, wie zwei Polizeiautos aus der Richtung des Dorfes kamen. Er gab noch mehr Gas und hoffte, dass er die Kreuzung vor der Polizei erwischte.  Als er an der Kreuzung war, konnte er die Gesichter der Polizisten sehen. Er fuhr geradeaus und bemerkte im Spiegel wie die Polizeiautos hinter ihm abbogen. Die Straße führte zur Küste. Auf der linken Seite war eine hohe Felswand und auf der rechten Seite steile Klippen. Er musste sehr aufpassen, weil die Straße sehr kurvig war.

Die Polizei war ihm dicht auf den Fersen. Plötzlich sah er in der Ferne, wie noch drei Polizeiautos in seine Richtung fuhren. Er saß in der Falle! Fieberhaft dachte er nach. Er musste sich etwas einfallen lassen. Aussteigen und die Felswand hochklettern war aussichtslos. Es gab nur einen Ausweg! Das Meer! Er erinnerte sich an den Film mit James Dean und das Autorennen. Die Polizei kam immer näher. Viel Zeit zum Überlegen hatte er nicht.

Er griff nach dem Koffer, und machte die Tür leicht auf. Mit einer Hand drehte er das Lenkrad in Richtung Meer und gab Vollgas. Das Auto musste weit fliegen denn nur so hätte er genug Zeit rauszuspringen. Als das Auto den Kontakt mit dem Boden verlor, jaulte der Motor auf. Antoine machte die Tür weit auf und warf sich in die Dunkelheit. Der Aufprall auf das Wasser war so heftig, dass er den Koffer losließ. Als er auftauchte, drehte er sich nach links und rechts und suchte den Koffer. Mit Erleichterung sah er, wie der Koffer auf der Wasseroberfläche schwamm. Die Polizeiautos standen an der Straße und die Polizisten hielten die Taschenlampen in Richtung Antoines Auto, das langsam im Meer versank. Antoine griff den Koffer und schwamm  Richtung Land.

***

Antoine spürte den Drang, auf die Toilette zu gehen.  An der nächsten Tankstelle hielt er an. Auf dem Weg zur Toilette sah er ein Plakat mit einem ihm sehr bekannten Gesicht. Das war sein Foto. „Nur 10.000 Euro !?“ – fragte er sich verbittert. Auf der Toilette versuchte er eine Ähnlichkeit des Gesichtes im Spiegel mit dem Foto auf dem  Steckbrief zu entdecken. Er war zufrieden. Die Tampons, die er in der Mund steckte, machten sein Gesicht breiter und die Glatze machte ihn 10 Jahre älter. Schön war er nicht! Aber, das war er nie gewesen. Das Einzige was ihm am seinem neuen Gesicht gefiel, waren die blauen Augen. Nach der Schönheitsoperation würde er entscheiden, ob er weiter blaue Kontaktlinsen tragen würde. Er stieg ins Auto und fuhr  Richtung Montblanc. Hinter diesem riesigen Berg und mit dem Geld, das im Alukoffer lag, sollte sein neues Leben anfangen. Nur noch ein Hindernis lag vor ihm: Die Passkontrolle. Er hoffte, dass er mit dem gefälschten Pass und mit diesem Servicewagen des französischen Auto-Klubs keine Probleme haben würde. Er fuhr langsam zum Grenzübergang, rollte das Fenster runter und sagte zu dem Polizisten: “ Bonjour!“.

Nachdem ihm der Zöllner gute Reise gewünscht hatte, musste er sich beherrschen, nicht mit Vollgas davon zufahren. Als er im Spiegel nichts Verdächtiges bemerkte, war im klar: Er hatte es geschafft!

Antoine lachte laut und sagte: „Au revoir, France!“ Das Rücklicht seines Autos verschwand im Dunkel des Montblanc Tunnels.

Kurz danach ging eine Nachricht um die Welt: „Inferno! Großbrand im Montblanc Tunnel!“

***

Das war eine der größten Brandkatastrophen  Frankreichs. Ein LKW ging in Flammen auf und alles lief rasant schnell. Die Autofahrer die nah an der Unfallstelle waren, hatten keine Chance. Sie erstickten im Rauch und ihre Körper verbrannten bis zur Unkenntlichkeit.

Die Hitze war so groß, dass die Alukoffer schmolzen.

 

Der Legionär

 

photo by: Martin Gommel / Foter / CC BY-NC-SA

%d Bloggern gefällt das: